WoW-Sucht und die Berichterstattung der Medien

Ich spiele gerne WoW, es ist mein Hobby.
So trivial diese Aussage klingt, heutzutage muss man vorsichtig sein, in welcher Gesellschaft man sie anbringt, ohne als “Suchti” verschriehen zu werden.

Heute morgen habe ich der Süddeutschen Zeitung, eine eher seriöse Tageszeitung, im Panaroma-Teil die kurze Meldung gelesen, dass ein 15-jähriger belgischer Spieler durch das übermäßige Spielen des gewalttätigen Computerspiels World of Warcraft ins Koma gefallen ist. Er hat davor zu viel gespielt, hat sich mit Kaffee und Energie-Drinks wach gehalten, und sein Geständnis war “ich bin süchtig”.
Warum bitte ist so ein — sicherlich persönlicher tragischer — Vorfall aus dem Ausland eine Zeitungsmeldung wert? Was macht es so interessant und relevant für die Öffentlichkeit, dass jemand sein Hobby etwas übertrieben hat? Und warum schreibe ich darüber?

Ich schreibe darüber, weil es mich anstinkt, wie einseitig die Berichterstattung über mein Hobby in den Medien ist, selbst wenn sie sonst einigermaßen vernünftig sind. Jeder hat sein eigenes Hobby — ob das Kaninchen züchten, Glas bemalen, Fußball spielen, Autos zugucken wie sie im Kreis fahren oder eben Computer spielen ist. Alle Hobbies bis auf das letzte sind gesellschaftlich akzeptiert. Bei vielen dieser Hobbies können Sachen passieren, die für die Beteiligten nicht so schön sind, egal ob einem das Kaninchen beißt oder man sich beim Bolzen mit den Kameraden den Knöchel verstaucht. Man kann jedes der Hobbies übertreiben, sein restliches Leben, seine Beziehung und seinen Beruf darüber ruinieren. Nichts davon ist ungewöhnlich und eine dpa-Meldung wert. Aber wenn so etwas bei Computerspielen passiert, dann zeigt das nur, wie böse und gefährlich solche Computerspiele sind.

Es ist wirklich kein Geheimnis, dass viele junge Leute in Discos oder auf Parties bis in den frühen Morgen bis zur körperlichen Erschöpfung tanzen. Manchmal unter Einfluß von Drogen, die so ein Verhalten erleichtern. Wie auch hier, allerdings blieb es bei Kaffee oder Energie-Drinks. Ist irgendwer eigentlich schon mal auf die Idee gekommen, Kaffee zu verteufeln, weil es so ein Verhalten ermöglicht? Ach nein, es ist WoW, das süchtig macht. Und darüber muss man schreiben. Leute, die sich bei Parties verausgaben, sind schon wieder langweilig, wenn sie nicht Paris oder Britney heißen.
Ich bin mir sicher, dass sowohl unsere Arbeitskultur als auch der Lebensrhytmus einer breiten Schicht von Deutschen vollkommen auseinanderspringen würde, würde man Kaffeekonsum für einen Monat verbieten. Es ist vollkommen normal, wenn man zugibt “ich brauche morgens einen Kaffee, damit ich wach werde”. Nach der gebräuchlichen Definition trifft das den Begriff der Abhängigkeit oder Sucht. Aber neeeeeein….sowas darf man ja nicht sagen, dass Kaffee süchtig macht. Während ein Poker- oder Roulettespiel bei der Weihnachtsfeier unserer Firma von jemandem als suchtfördernd bezeichnet wurde, gehört eine Kaffeemaschine zur Pflichtausstattung jedes Büros.

Süchtig kann viel machen: Konsum, Sport, Zigaretten, Alkohol, Diäten, Arbeit, Heroin, Fernsehen, usw. Der ausschlaggebende Faktor ist in vielen Fällen, insbesondere bei den nicht-substanzgebundenen Süchten, die Disposition des Einzelnen , d.h. wie anfällig eine Person dafür ist. Trotzdem erscheint Sucht im Zusammenhang mit Computerspielen als immer größeres Thema in den Medien. Genauso wie der angebliche Zusammenhang von Gewalt und “Killerspielen”, der durch die öffentlich-rechtlichen Medien manipulativ, verzerrt und falsch dargestellt wird (darauf ist die SZ immerhin eingegangen, so schlimm sind sie also doch nicht).
Es gibt sehr gute Untersuchungen und Studien zu dem Thema Sucht und Computerspiele von Psychologen und Medienwissenschaftlern. Für so ziemlich die besten halte ich http://www.nickyee.com/daedalus/archives/001544.php und http://www.nickyee.com/daedalus/archives/001543.php , zwei Studien von Psychologen. Sie sind beide recht lang, zeigen eine recht tiefe Analyse der Spielergemeinschaft, eine differenzierte Betrachtung und sind nicht marktschreierisch genug, um von den Medien oder der Politik ernst genommen zu werden. Sowas kann man der Öffentlichkeit nicht zumuten. Also lieber mit dem dicken Knüppel draufhauen.

Warum hauen Politik und Medien also gerne auf die Computerspiele. Ich glaube, dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. Erstens braucht die Politik in letzter Zeit ganz klar Schuldige für ihre verfehlte Erziehungs-, Familien- und Integrationspolitik. Wären die U-Bahn-Schläger von München WoW-Spieler, würde jetzt WoW verboten. Sie sind aber Jugendliche und Ausländer, also muss sofort eine schnellere Abschiebung und eine härtere Maßnahme gegen Jugendstraftäter her, wenn es nach Herrn Koch geht. Wer braucht schon Ursachenforschung, wenn die Öffentlichkeit klare Maßnahmen sehen will? Computerspiele, insbesondere “Killerspiele” oder “Suchtspiele”, halten wohl in vielen Fällen gut als Schuldige her, wenn niemand mal nach Erziehung fragen will.
  2. Ein zweiter Grund ist der Generationskonflikt. Der Großteil der begeisterten Computerspieler ist 15-25, ein paar (wie ich) sind älter, aber die aller wenigsten über 40. Klar, Computerspiele sind eben noch nicht so alt, dass die Nachkriegsgeneration damit aufgewachsen ist. Nun wird Medienpolitik und Politik sehr häufig von Leuten gemacht, die über 50 sind, die also das Phänomen Computerspiel nicht wirklich kennen. Und die Öffentlichkeitsmeinung wird stark durch die Meinung der älteren Generation bestimmt. Jüngere Spieler haben oft weder die gesellschaftliche Position noch die Ausdrucksfähigkeit, um ihrer Leidenschaft genügend Gehör zu verschaffen. Eine gute Analogie ist Rockmusik: Während in den 60ern und 70ern Rockmusik Teufelswerk war, und die Jugendlichen angeblich wegen Rockmusik selbstzerstörerische Tendenzen zeigten, ist es inzwischen vollkommen ok, wenn Ministerpräsidenten zu Rolling Stones Konzerten kommen. Da hat sich inzwischen die Generation verschoben, es ist akzeptiert. Computerspiele sind noch nicht alt genug, um diesen Status zu erzielen.
  3. Ein dritter Grund ist Unverständnis. Leute, die keine Computerspiele spielen, verstehen sie nicht. Das macht es möglich, solche Lügenberichte wie oben gezeigt zu verstreuen, ohne dass es eine sachliche Gegendarstellung in der Öffentlichkeit gibt (sowas wird dann über Youtube verbreitet). Die allermeisten Untersuchungen werden von Leuten gemacht, die nie in ihrer Freizeit ein Computerspiel zum Spaß gespielt haben. Die beiden Analysen, die ich gezeigt habe, wurden von Leuten geschrieben, die neben ihrer professionellen Psychologen-Tätigkeit eben MMORPG-Spieler sind, und genau deshalb zeigen sie eine größere Kenntnis. Es ist erstaunlich, wieviele Vorurteile und Halbwahrheiten über Computerspiele immer noch in der Öffentlichkeit bestehen können.
  4. Ein vierter Grund ist die mangelnde Lobbyarbeit der Firmen. Autos und Flugzeuge verpessten die Umwelt und Bier macht abhängig und dick und fordert einen Haufen Alkoholtote (durch Unfalltot oder Alkoholvergiftung). Trotzdem sind die Firmen, die sowas verkaufen, Markenzeichen der Deutschen Wirtschaft. Wir sind stolz auf unser Deutsches Bier, was die Bilder von Alkoholexzessen beim Oktoberfest regelmäßig zeigen. Wir sind stolz auf Deutsche Autos, was die Verhinderung unserer Regierung für eine stärkere Abgasregelung innerhalb der EU zeigt. Da leisten die Firmen hervorragende Lobbyarbeit, die Politik hört auf sie. Computerspiele werden überwiegend im Ausland gemacht, da hängen nur wenige Arbeitsplätze dran, es gibt keine Lobbyarbeit und nur wenig Vernetzung mit Politik und Medien. Folglich gibt es auch wenig prominente Fürsprecher.

All das sind starke Gründe, warum Computerspiele gerne verteufelt werden. Leider ist kein berechtigter Grund dabei.
Für die Mehrheit der Computerspieler sind Computerspiele ein Hobby, das Spaß macht, wo sie andere Menschen treffen, kommunizieren, zusammen Probleme lösen und so einen harmlosen Ausgleich für ihr Arbeitsleben haben. Sicherlich gibt es Extreme, aber die gibt es bei den meisten Freizeitbeschäftigungen.
Es wäre wirklich schön, wenn die Gesellschaft ein etwas normaleres Bild von Computerspielen bekommt, anstatt immer nur so Horrormeldungen über “jemandem ist was schlimmes beim Computerspielen passiert” zu bekommen.
–Shandria.

~ by apollyon on January 14, 2008.

11 Responses to “WoW-Sucht und die Berichterstattung der Medien”

  1. Der Artikel ist wirklich sehr gut geschrieben, Respekt. Dazu fällt mir nur wieder http://www.verbietetbrot.de/ ein. Auf dieser Seite geht es im wesentlichen darum, dass bisher fast alle Amok-Läufer mindestens einmal im Leben Brot gegessen haben und viel schlimmer noch, jeder Mensch, der Brot gegessen hat, ist irgendwann gestorben oder wird es noch😉

    Aber so ist es doch immer und wird es auch immer sein, die Menschen “fressen” das, was ihnen die Medien zu “fressen” geben. Wenn irgendeine Zeitung schreibt “Morgen könnte ein Atom-Krieg ausbrechen” (vielleicht weil Putin in den USA eine Ameine zertrampelt hat?) werden sich die Leute mit Nahrungsmitteln eindecken und die Supermärkte stürmen.

    Von daher bringt es nichts, sich über solche Sachen aufzuregen, denn wichtig ist, was man selbst denkt, nicht was die “Medien-Zombies”, allen voran die ältere Genetation, glauben oder sagen, denn die können so etwas nicht beurteilen. Das ist, als wolle jemand erzählen, wie Krieg ist, ohne jemals selbst einen erlebt zu haben, oder als wollte man erklären, wie etwas schmeckt, ohne es je probiert zu haben.

  2. Schön geschrieben, aber es bleibt anzumerken, dass Computer spielen im Gegensatz zu beispielsweise Fußball, durch die fehlende körperliche Aktivität nicht wirklich gesundheitsförderlich ist.
    Der schlecht Ruf der Zocker kommt nicht zuletzt durch den ausgeprägten Stereotypen eines Computer-Nerds. Pickelig, blass, schwabbelig und keine sozialen Kontakte. Dass es unter den Dauerzockern aber auch Menschen mit sozialem und Privatleben gibt (das sogenannte Real Life) ist für viele Menschen unverständlich.
    Für die Breite der Masse müssen Computer Spieler schon aus rein logischer Sicht durch das ständige Gesitze in dunklen Kellern zum Amokläufer oder Schlimmerem werden.
    Pressemeldungen wie in der SZ sind natürlich sowas von überhaupt nicht hilfreich den Ruf zu verbessern. Da hilft nur PR en masse, um das Computerspielen populärer und anerkannter zu machen. Aber das ist nicht die Aufgabe der User sondern das müssen die Firmen, wie z.B. Blizzard, erledigen.
    Positives Beispiel ist die Spielkultur in Asien, wenn auch auf ihre Art und Weise sehr krass. Spielende Kinder und ihre teilweise epischen Schlachten gehören ins Fernsehen und das im ganz großen Stil.

    just my 2 €-cents

  3. hm, du hast meiner Meinung nach noch etwas vergessen.
    Das medium Fernsehen und das Medium Computerspiele stehen im direkten Konkurrenzkampf umd die Zeit der Menschen.
    Wenn jemand am Computer spielt, schaut er nicht fern (zumindest hat nicht jeder den Fernseher neben dem COmputer stehen). Fernsehsender finanzieren sich über Werbung (auch die öffentlich-rechtlichen). Je weniger Leute fern sehen, desto weniger verdienen die Sender mit der Werbung. Daß sich die Sender darüber nicht gerade freuen ist klar.

  4. Finde den Text echt klasse! Großen respekt!!!
    Supa

  5. ich habe ähnlichen Artikel in der FAZ gelesen, dort hiess es “das ebenso beliebte wie auch gewalttätige Computerspiel …”.

    wieder ein gutes Beispiel von Populismus, wo Leute über ein Thema schreiben, über das sie sie unzureichend informiert sind. Tragisch umsomehr, dass eine derartige Diffamierung von einer mittlerweile großen Spielerschaft nicht grundlegend überdacht wurde; denn es stellen sich auch folgende Fragen:

    1. Selbst, wenn WOW besonders gewaltätig wäre: lag der Zusammenbruch in der Gewaltbereitschaft des Spiels? Hat nicht etwa der übermässige Konsum den Zusammenbruch verursacht?
    Der Kerl wäre auch bei übermassigen Konsum von Hausaufgaben, Tetris oder sonst etwas zusammengebrochen; die Gewaltbereitschaft steht also nichtmal in einem conditio sine qua non Kausaulzusammenhang

    2. Offensichtlich ist es zu unangenehm nach dem Versagen von Eltern und Gesellschaft zu fragen. Denn, um was für eine pädagogische Massnahme handelt es sich, wenn Eltern einen 15jährigen so lang spielen lassen bis er zusammen bricht – oder dies nicht einmal merken? Ganz klar; das böse Computerspiel gehört verteufelt; aber nicht etwa sogenannter Erziehungsberechtigter der ganz klar seine Aufssichtspflicht- und Fürsorgepflicht gegeüber seinem Zögling verletzt

    Aber es gibt auch andere Meldungen, zB folgende:

    http://www.welt.de/webwelt/article1533156/Forscher_stuerzen_das_Computerspieler-Klischee.html

    in der “wir” nun auf einmal nicht mehr “killerspiller” sind, sondern “besonders kommunikative Zeitgenossen mit einer Vorliebe für Geselligkeit und anspruchsvolle Unterhaltung”. Einer meiner Vorredner vergisst, dass das Betrachten von TV und das konsumieren von Büchern, welches sich (zu Recht) in unserer Gesellschaft etabliert hat – als genauso unsportlich und gesundheitschädigend herausstellt. Ich muss ganz ehrlich sagen: wenn ich mich dort mit “Kumpels” treffe und wir uns eine schöne RP Umgebung aufbauen – habe ich meiner Ansicht nach einen Abend kreativer verbracht als der Durschschnittsbürger, der “Frauentauschundco” konsumiert.

  6. Nicht die Nachkriegsgeneration sitzt heute an den Schalthebeln in der Medien-und Politiklandschaft,sondern die 68er!

  7. Vielen Dank, für diesen absolut genial formulierten Text, super geschrieben, viele Informationen einbezogen, Transfer geleistet, der beste Text, den ich bisher auf der Suche für meine Präsentation zu dem Thema finden konnte!

  8. Haha, cooler text da muss ich nur zustimmen als WoW spieler:P naja spiele nicht mer soviel fals wer interesse an nem acc hat bitte melden^^ hab 61 hexer mensch auf Das Syndikat 50 Draenei Krieger selber server und noch mehrere twinks^^

    MFG
    Kronos

  9. man vergleiche zocken mit alkohol oder rauchen …
    beides schädigt mehr die gesundheit und die volkswirtschaft

    keines wird verboten

    es ist halt eine demokratie, da hat der das sagen, dem die meisten hinterherrennen

  10. ECht geiler text super geschirben und auch absolut zutreffend

  11. You need targeted traffic to your website so why not try some for free? There is a VERY POWERFUL and POPULAR company out there who now lets you try their traffic for 7 days free of charge. I am so glad they opened their traffic system back up to the public! Check it out here: http://voxseo.com/traffic/

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